
26. Oktober 2026
Manchmal verändert sich das Leben von einem Tag auf den anderen. Was gestern selbstverständlich war, muss heute neu gelernt werden. Doch nur weil sich der Weg verändert, muss das Ziel nicht verschwinden.
Im September 2024 wurde mir der linke Unterschenkel amputiert. Vorausgegangen waren eine schwere Krebserkrankung, Operationen und ein Rückfall. Plötzlich stand ich vor einer Situation, die mein Leben nachhaltig verändern sollte.
Der Radsport war für mich schon vorher mehr als ein Hobby. Er bedeutete Bewegung, Freiheit und die Möglichkeit, den Kopf freizubekommen. Nach der Amputation stellte sich deshalb nicht nur die Frage, wie ich meinen Alltag neu organisieren würde. Ich wollte auch herausfinden, welchen Platz das Fahrrad künftig in meinem Leben haben kann.
Der Anfang ist anders als früher
Nach einer Amputation muss vieles neu gedacht werden. Bewegungsabläufe verändern sich, die körperlichen Voraussetzungen sind andere und auch die Ausrüstung muss passen.
Mit einer Prothese Fahrrad zu fahren, bedeutet, sich mit neuen Anforderungen auseinanderzusetzen. Dabei spielen unter anderem die Passform, die Belastbarkeit, die Kraftübertragung und die persönliche Sicherheit eine Rolle.
Was früher selbstverständlich war, kann plötzlich eine Herausforderung sein. Gleichzeitig lernt man seinen Körper auf eine neue Weise kennen.
Es geht darum, auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und herauszufinden, was funktioniert. Nicht jeder Ansatz führt sofort zum gewünschten Ergebnis. Manchmal muss man etwas verändern, eine Pause einlegen oder einen anderen Weg ausprobieren.
Für mich gehört genau das zum Prozess.
Nicht gegen den eigenen Körper, sondern mit ihm
Ich bin jemand, der gerne Herausforderungen annimmt. Trotzdem habe ich gelernt, dass man nicht jede Grenze einfach ignorieren kann.
Gerade nach einer schweren Erkrankung ist es wichtig, die eigenen Voraussetzungen ernst zu nehmen und Belastungen sinnvoll zu dosieren.
Training bedeutet für mich deshalb nicht, um jeden Preis Leistung zu erzwingen. Es bedeutet, an den eigenen Möglichkeiten zu arbeiten, Fortschritte wahrzunehmen und gleichzeitig auf den Körper zu hören.
Auch die richtige Abstimmung zwischen Prothese, Fahrrad und Sitzposition kann einen großen Unterschied machen. Was für einen anderen Sportler funktioniert, muss nicht automatisch für mich passen.
Der eigene Weg entsteht durch Erfahrung, Anpassung und manchmal auch durch Geduld.
Warum ich trotzdem weiterfahre
Es gibt Momente auf dem Fahrrad, in denen der Alltag in den Hintergrund rückt. Man konzentriert sich auf die Strecke, die Bewegung und das, was gerade vor einem liegt.
Für mich ist das ein Stück Freiheit.
Natürlich ist nicht jede Tour einfach. Nicht jeder Tag läuft gleich gut, und manche Herausforderungen bleiben bestehen. Aber ich möchte mich nicht ausschließlich auf das konzentrieren, was sich verändert hat oder schwieriger geworden ist.
Ich möchte herausfinden, was weiterhin möglich ist.
Dabei geht es mir nicht darum, anderen etwas beweisen zu müssen. Ich muss keine Rekorde aufstellen und mich nicht mit Menschen vergleichen, die andere körperliche Voraussetzungen haben.
Mein Maßstab ist mein eigener Weg.
Die richtige Ausrüstung ist ein wichtiger Teil davon
Wer nach einer Amputation wieder sportlich aktiv werden möchte, merkt schnell, dass die passende Ausrüstung entscheidend sein kann.
Für mich gehören dazu die Sportprothese, eine geeignete Sitzposition, die richtige Einstellung des Fahrrads und die Frage, wie sich die Belastung sinnvoll gestalten lässt.
Auch Trainingsplanung und Regeneration spielen eine wichtige Rolle.
Ich werde hier deshalb künftig meine persönlichen Erfahrungen mit dem Radsport teilen. Dazu gehören Touren, Trainingsversuche, Ausrüstung und die kleinen Erkenntnisse, die man erst sammelt, wenn man Dinge selbst ausprobiert.
Dabei gilt: Meine Erfahrungen sind persönlich und lassen sich nicht eins zu eins auf andere Menschen übertragen. Welche Belastung möglich und sinnvoll ist, hängt immer von der individuellen gesundheitlichen Situation ab.
Was ich anderen Betroffenen mitgeben möchte
Wenn du selbst von einer Amputation betroffen bist oder nach einer schweren Erkrankung wieder in Bewegung kommen möchtest, kann ich dir eines sagen: Du musst nicht sofort wissen, wie dein neuer Weg aussehen wird.
Manchmal reicht es, den nächsten Schritt zu planen.
Vielleicht ist es zunächst eine kurze Strecke. Vielleicht geht es darum, eine geeignete Prothese zu finden, ein Hilfsmittel anzupassen oder sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.
Es ist völlig in Ordnung, Unterstützung anzunehmen und sich Zeit zu lassen.
Und es ist genauso in Ordnung, neue Ziele zu entwickeln, die vorher vielleicht gar nicht auf deiner Liste standen.
Eine Amputation verändert vieles. Sie nimmt einem aber nicht automatisch jedes Interesse, jede Leidenschaft oder jede Möglichkeit, sich neue Ziele zu setzen.
Mein Weg geht weiter
Heute ist das Fahrrad für mich weiterhin ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich möchte Erfahrungen sammeln, mich weiterentwickeln und herausfinden, welche Möglichkeiten sich mir eröffnen.
Dabei wird es gute Tage geben und solche, an denen ich neu überlegen muss, wie es weitergeht.
Das gehört dazu.
Für mich bedeutet zurück aufs Rad nicht, einfach dort weiterzumachen, wo ich früher aufgehört habe. Es bedeutet, einen neuen Weg zu finden – mit anderen Voraussetzungen, neuen Erfahrungen und derselben Begeisterung für das Radfahren.
Und genau diesen Weg möchte ich hier mit dir teilen.
Michael